DISCIPLINA

Wenn du dein Leben verlängern willst, dann führe den Geschlechtsakt überhaupt nicht aus, oder so selten wie nur möglich!“

Michelangelo Buonarotti, größter Kunstschöpfer der Renaissance


Zur Vernunft des Lebens. - Eine relative Keuschheit, eine grundsätzliche und kluge Vorsicht vor Eroticis selbst in Gedanken, kann zur großen Vernunft des Lebens auch bei reich ausgestatteten und ganzen Naturen gehören.  Der Satz gilt insonderheit von den Künstlern, er gehört zu deren bester Lebens-Weisheit. ~

Der Künstler ist vielleicht seiner Art nach mit Notwendigkeit ein sinnlicher Mensch, erregbar überhaupt, zugänglich in jedem Sinne, dem Reize, der Suggestion des Reizes schon von fern her entgegenkommend.  Trotzdem ist er im Durchschnitt, unter der Gewalt seiner Aufgabe, seines Willens zur Meisterschaft, tatsächlich ein mäßiger, oft sogar ein keuscher Mensch.  Sein dominierender Instinkt will es so von ihm: er erlaubt ihm nicht, sich auf diese oder jene Weise auszugeben.  Es ist ein und dieselbe Kraft, die man in der Kunst-Konzeption und die man im geschlechtlichen Aktus ausgibt: es gibt nur Eine Art Kraft.  Hier zu unterliegen, hier sich zu verschwenden ist für den Künstler verräterisch: es verrät den Mangel an Instinkt, an Wille überhaupt, es kann ein Zeichen von décadence sein, - es entwertet jedenfalls bis zu einem unausrechenbaren Grade seine Kunst.“

Friedrich Nietzsche im Willen zur Macht


Alle okkulten Lehren, die die Möglichkeit der »Evolution« oder der Wandlung des Menschen anerkennen, betrachten die Grundlage dieser möglichen Wandlung in der Transmutation, d. h. in der Umwandlung von gewissen Substanzen oder Energien in völlig andere Substanzen oder Energien, in diesem Falle in der Umwandlung der Geschlechtsenergie in Energie einer höheren Ordnung.

Dies ist die innere, manchmal tief verborgene, manchmal fast offensichtliche Bedeutung vieler okkulter Lehren, von Theorien der Alchimie, verschiedener Formen der Mystik, von Jogasystemen und dergleichen mehr.

In allen Lehren, die die Möglichkeit der Wandlung und des inneren Wachstums eines individuellen Menschen anerkennen, d. h. eine Evolution, nicht in einem biologischen oder anthropologischen Sinn, sondern als für das Individuum geltend, beruht diese Evolution immer auf der Transmutation der Geschlechtsenergie.  Die Verwendung dieser Energie, welche im gewöhnlichen Leben unproduktiv verschwendet wird, schafft in der Seele eines Menschen die Kraft, welche ihn zum Übermenschen führt.  Es gibt im Menschen keine andere Kraft, welche die Geschlechtsenergie ersetzen könnte.  Alle anderen Energien, der Intellekt, der Wille, das Gefühl, ernähren sich vom Überschuß an Geschlechtsenergie, wachsen aus ihr heraus und leben durch sie.  Die mystische Geburt des Menschen, von der viele Systeme sprechen, beruht auf der Transmutation der Geschlechtsenergie.“

Peter Ouspensky im Neuen Modell des Universums


Wer aus Gott geboren ist, der tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt bei ihm, und kann nicht sündigen, denn er ist von Gott geboren.“

Johannes im 3. Kapitel der 1. Epistel


Darum sage ich, in guter Treue, wem das Paradeiß mit dem Baum des Lebens in dieser Zeit innerlich zu schauen, empfinden und schmecken lüstet, hasse alles irdische, und meide ja die Venus, denn die da hinein fallen, können zur Mahlzeit nicht kommen, nach Christi eigenen Lehr.  Dann was mir, nach ausgestandener Prob, vor ein centralisches Erkändnüs auffgegangen, ist leicht zu erachten: da verstund ich erst im Grund, warum Ahimelech dem David die Schaubrod nicht geben wollen, wann er und seine Männer sich von Weibern nicht enthalten hätten; und wie die Priester, die den Dienst des Opffers im Tempel musten warnehmen, sich keusch und rein halten müssen: und haben die alten Kirchenlehrer aus Paulo, 1. Cor. 7. nicht ohne Grund geschrieben, das weil ein Priester Christi ohne unterlaß beten müsse, sich auch von Frauen allezeit enthalten müsse. ~

Nun ist das männliche Glied ein Instrumentum Veneris & non Sophiae, und wird Hebräisch jarech genennet, welches auch Lenden oder Hüfft heisset, weil die Venae Spermaticae auf der Hüfft liegen; bey denen Altvätern auch im tieffen Verstand gewesen ist; indem Abrahams Knecht, Gen. 24. seine Hand must unter die Schaam legen und schweren, also auch Joseph Gen. 47. v. 29. 30.  Daher noch heut bey Juden und Christen der Schwur: Bey meiner Schaam, oder teutsch Seel, leider gebrauchet wird, weil dadurch die Seel fortgepflantzet wird, (neschamah, abbreviret Scham, anima.)  Daß aber Gott an diesem Naschen und irrdischen Beyschlaff oder Fleisch-Essen einen Eckel gehabt, zeiget Jacobs Streit, der im Vorbild mit Gott und Mensch gerungen und gesieget, auch endlich an seiner Schaam ist gerühret worden, und ohne Zweiffel dieses Mysterium erkandt, auch seinen Kindern eröffnet hat, welche von selbiger Zeit an vom Hindertheil der Thiere nicht mehr gegessen, welches bey den Hebräern hernach eine Gewohnheit ist worden, ob schon Gott durch Mosen kein Gebot gegeben, wie aus der Schrifft bekanndt.  Jst derohalben tieff nachzusinnen, was doch dieser Kampff und Berührung der Schaam mit den Thieren für Gemeinschafft hat, und warum solches, ohne Gottes Special-Gebot, in eine Gewohnheit gerathen?  Die Juden haben mir keine Antwort können geben; so schweiget der Buchstaben auch, habe aber im Licht der Natur gefunden, daß eben am Hintertheil der Thiere die Schaam und Venae Spermaticae liegen, und Gott uns lehren wollen, das Er an unseren thierischen Gliedern kein Gefallen habe, und wir dadurch allen Thieren gleich und unrein worden, auch daran lahm werden müssen, wollen wir mit Gott und Mensch ringen und siegen. ~

Sophia oder Jesus ist unser geistlicher Krafft-Leib der Seelen, in welchem wir biß für die H. Drey-Zahl eindringen mögen in unserem Gebeth, und von Gott wiedernehmen, was wir gebeten, welches ohne diesem Leib unmöglich ist: darum vermahnet uns Paulus, daß wir Jesum anziehen sollen; auch kan kein wahrer Priester des Melchisedechischen Neuen Verbundes seyn, er habe dann diesen Leib an.  Denn der vom H. Brod des ewigen Lebens essen will, muß sich vom Weib enthalten, welches auch im A. T. ist erfordert worden, 1. Sam. 21, 4, 5. dieses Mysterium öffne ich euch, weil ihr euch der Nachfolge Christi ergeben wollet:  Für getrauete ists gar keine angenehme Speise, auch dienet sie solchen Gemüthern nicht, die JESUM nicht über alles lieben, und mit allem möglichsten Ernst biß an ihr Ende treu zubleiben und nachzufolgen trachten. ~

Jch habe von diesem Mysterio auch nichts gewust, sondern bin erst nach vielen ausgestandenen Proben erleuchtet worden, und habe befunden, daß was eine natürliche Frau ihrem Ehe-Mann ist, ist die Jungfrau ihren geistlichen Werbern und Freyern:  Sie ist unsers Seelen-Feuers Glantz und Tinctur, und hilfft uns unsere Gebete bilden und formen, und ist unser Acker oder Matrix, darein wir unsern geistlichen Saamen oder Gebete schütten, und Sie gebährets wieder aus.  Denn GOTT Vater Sohn und H. Geist aus uns selbst mit der ewigen Weißheit ausgebohren muß werden: welches Geheimnüß die wenigsten begreiffen können, darum sie auch nur im Fleisch stecken bleiben, an ein Weib sich hangen, und fleischliche Kinder zeugen.“

Georg Gichtel im 48. & 58. der Theosophischen Sendschreiben 1710


Der Mensch soll sich dem Trieb der Sinne nur so viel hingeben, als er für seine animalische Erhaltung braucht. ~

Alle heftigen Leidenschaften sind nicht zu befriedigen!  Die Phantasie entzündet das Blut, dieses reizt die Nerven, bringt Unruhe hervor.  Beobachtet die großen Leidenschaften, ihr werdet darin dieselben Symptome sehen.  Von den Geschöpfen, die die Natur durch die Vernunft vor allen ihren anderen Schöpfungen ausgezeichnet hat, bist du, Mensch, das unbeständigste, das inkonsequenteste, das größte ihrer Opfer.  Willst du leben nach dem Zweck deiner Erschaffung?  Nun, so gib dich niemals dem Wildbach der heftigen Leidenschaften hin, du kannst es, du bist dein eigener Herr, aber wenn du dich nicht in acht nimmst, wirst Du schließlich beherrscht werden.“

Napoleon Bonaparte im Discours de Lyon


Viele Menschen erkennen gar wohl, daß die Keuschheit nützlich sey, sie rühmen derselben Vortrefflichkeit, wünschen diese Tugend zu besitzen, mercken daß der Zustand ihres Leibes, ihrer Seele, ihrer Güter und ihrer Ehre dadurch verbessert werde, loben die sich der Keuschheit befleissen, lassen es aber hierbey bewenden.  Stellet man ihnen die Nutzbarkeit des keuschen Lebens gleich noch mit so hellen Farben vor, so werden sie doch zu keiner weitern Uberführung gebracht, als daß sie spühren, daß sie der mit der Keuschheit vergesellschaffteten Bequemlichkeiten entbehren müssen.  Weil sie nun vermeynen von der Unkeuschheit ein groß plaisir zu haben, und gewahr werden, daß sie dennoch, ob sie gleich die Vortheile und die Früchte der Keuschheit nicht genüssen, subsistiren können, so hat das Argumentum abutili in den Gemüthern der Unkeuschen schlechten Eindruck, und muß man ihnen, wenn man sie gewinnen will, nicht vorstellen, daß die Keuschheit nützlich, sondern höchst nothwendig sey.  Man muß sie in ihren Seelen überführen, daß sie keusch leben müssen, wenn sie sich nicht als rasende und thörichte Leute aufführen wollen.  Sie müssen nicht dencken daß es in ihrer Willkühr stehe, ob sie keusch leben wollen oder nicht, sondern daß sie zur Keuschheit gezwungen werden.  Denn das Argument es muß seyn, ist wohl das stärckeste unter allen.“

Germanus Constans im Neuen Moralischen Tractat Von der Liebe


Wir waren tapfer genug, wir schonten weder uns, noch Andere: aber wir wussten lange nicht, wohin mit unsrer Tapferkeit.  Wir wurden düster, man hiess uns Fatalisten.  Unser Fatum - das war die Fülle, die Spannung, die Stauung der Kräfte.  Wir dürsteten nach Blitz und Thaten, wir blieben am fernsten vom Glück der Schwächlinge, von der »Ergebung« . . .  Ein Gewitter war in unsrer Luft, die Natur, die wir sind, verfinsterte sich - denn wir hatten keinen Weg.  Formel unsres Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel . . .

2.  Was ist gut? - Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht.

Was ist schlecht? - Alles, was aus der Schwäche stammt.

Was ist Glück? - Das Gefühl davon, dass die Macht wächst, dass ein Widerstand überwunden wird.“

Friedrich Nietzsche im Antichrist 1-2


Wenn eine allgemeine initiatische Vorschrift formuliert werden müßte, könnte man davon sprechen, alles zu beherrschen, was Leidenschaft und Irrationalität des Seelenlebens ist.  Das betrifft aber nicht nur die »bösen« Veranlagungen, sondern auch die »guten«, sofern sie, wie die ersteren, in der Gefühlswelt wurzeln.  Objektiv gesehen, geht es hier um einen »Niveauwechsel«: eben nicht darum, irrationale und stürmische Neigungen durch andere, zwar entgegengesetzte, aber doch derselben Ebene angehörige zu begrenzen, sondern darum, das reine intellektuale Prinzip zur Vorherrschaft zu bringen, das nous, den »Zeus in uns«, der sich jenseits der einen und der anderen, der guten und der schlechten Veranlagungen befindet.  Die antike hellenische Welt verstand das alles sehr genau, und ihre Ansichten über das »Gute« hatten einen viel weniger »ethischen« als ontologischen Charakter, der dem jetzt angesprochenen Standpunkt ziemlich nahe kam.  Man weiß in der Tat, daß griechischerseits das Gute auf den Zustand der Wirklichkeit und Vollkommenheit bezogen wurde, und das Böse demnach auf das, was als irre, chaotische Möglichkeit unfähig war, sich in einem und in einer Form zu vollenden und somit das Unwirkliche darstellte, das, was »verändert« ist, passiv und vom »Leidenschafts«-Moment beeinträchtigt.  Daher stammt auch ein Sinngehalt der Tugend (virtus), der dem moralistischen vollkommen widerspricht und sich übrigens bis zur Zeit der Renaissance erhielt: Tugend als Kraft, als jene kraftgeladene Vollständigkeit und Mannhaftigkeit (virtus = Tugend und vir = Mann im spezifischen Sinne haben dieselbe sprachliche Wurzel), die in hervorragender Weise die Eigenschaft »derjenigen, die sind« darstellt, der Vollendeten, der Siddha.  Wenn die initiatische Askese eine »Moral« in sich fassen soll, darf sie nur einen solchen Bezugspunkt haben. ~

Hier geht es nicht um eine »Moralisierung«, sondern um eine Divinifizierung.  Die Worte Plotins lauten eben:  »Nicht ein guter Mensch, sondern Gott zu werden, - das ist das Ziel.«

Nehmen wir ein Beispiel.  Vom moralischen Standpunkt aus sagt man:  Du darfst nicht lügen, denn Lügen ist etwas Böses, und die Wahrheit zu sagen ist etwas Gutes.  Vom initiatischen Standpunkt aus wird man nur klarstellen, daß die Lüge eine Art Verletzung und einen Widerspruch in der Einheit des Wesenskerns hervorruft, was einen Zustand bedeutet, der der initiatischen Qualifikation genau entgegengesetzt ist.  Man wird ebensowenig sagen, daß freizügiger Verkehr mit jungen Frauen eine »Sünde« sei, sondern wird grundsätzlich betonen, daß dadurch die Lebenskraft verschwendet wird und man ihr eine Polarität auferlegt, die mit den Methoden einer überindividuellen Entwicklung kaum verträglich ist, da diese die Sammlung und Umwandlung jener Kraft voraussetzen.  Weiß man das alles, muß man sich nur klar darüber werden, was man wirklich will.  Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Baron Evola in der Esoterik und Moral


Disziplin Konkordanz Herbarei Kantorei Librarei